Mit Präzision und Gespür präpariert Camille Arnet Loipen im Goms – ein Beruf voller Herausforderungen und magischer Wintermomente. Ein Besuch bei der Arbeit.
Publiziert: 01.02.2025 auf pomona.ch

Radioreportage zum Nachhören
4.45 Uhr in Ulrichen: Camille Arnet steht auf und blickt aus dem Fenster. Dicke Schneeflocken fallen vom Himmel. Ein kurzer Blick auf die Meteo-App: Bis Mittag soll es weiter schneien. Ein früher Arbeitsbeginn macht bei diesem Wetter keinen Sinn. Sie verschiebt den Start auf 7 Uhr und informiert das Team.
Camille Arnet wuchs in der Stadt Basel auf – weit weg von den Bergen und vom Schnee. Nach ihrem Studium zur Forstingenieurin machte sie eine Lehre als Forstwartin beim Forst Goms. Pistenfahrzeugführerin zu werden, war nie ihr Traum. Vielmehr ist sie in diesen Beruf hineingerutscht. Der Forst stellt zum Teil das Personal für die Loipenpräparation. Seit dieser Saison ist Arnet die stellvertretende technische Leiterin.
«Wegen dem Wetter präparieren wir nicht das gesamte Loipennetz», erklärt sie mir, als ich zu ihr ins Fahrzeug steige. Die heutige Runde führt uns vom Nordischen Zentrum bis nach Niederwald und zurück. Die Scheinwerfer des Pistenfahrzeugs erhellen den Blick auf die frisch verschneite Gommer Winterwelt. Von der gestrigen Loipenspur ist wegen des Neuschnees nichts mehr zu sehen. «Ich orientiere mich an den Stöcken mit Reflektorband», erklärt Arnet.
Anfangs sei es vorgekommen, dass sie sich verfahren habe. «Aber irgendwann kennt man den Weg auswendig.» Alles Erfahrungssache, wie so vieles in diesem Beruf. Um ein Pistenfahrzeug zu fahren, braucht man im Grunde nur einen Autoführerschein. Ein erfahrener Pister hat ihr die Bedienung erklärt. Ein paar Wochen dauerte es, bis sie die Handhabung im Griff hatte. «Das Fahren beherrsche ich, bis man aber richtig gute Loipen präpariert, braucht es mehrere Saisons.»

Wir haben das Campingareal in Reckingen erreicht. Geschickt fährt Camille Arnet das Pistenfahrzeug rückwärts zur Zufahrt eines Restaurants hoch. Sie senkt die Fräse mit der Spurplatte, welche die klassische Langlaufspur in den Schnee zieht.
«Das ist die Herausforderung am Loipen», sagt Arnet. Je nach Schneeverhältnis ist Geschick nötig, um eine gute Spur hinzukriegen. Es braucht gerade Spuren und möglichst lang gezogene Kurven. Schliesslich will man nicht, dass es die Läufer aus der Spur schleudert. Es kam auch schon vor, dass Arnet eine Spur zweimal gemacht hat. «Wenn ich zurückblicke und die Spur nicht schön aussieht, kratzt das am Ego.»
Für die perfekte Spur braucht es Konzentration und Feingefühl. Das Fahrzeug ist in der Steuerung sensibel, es reagiert schnell. «Frauen sind tendenziell etwas feiner im Umgang mit Maschinen. In diesem Beruf ist das kein Nachteil.»
Camille Arnet ist im Oberwallis eine der einzigen Frauen, die die ganze Saison über Pistenfahrzeugführerin ist. Der Beruf gefällt ihr: «Tage wie heute, wenn alles frisch verschneit ist oder wenn man morgens Richtung Sonnenaufgang oder abends in den Sonnenuntergang fährt – das sind schöne Momente.» Im Fahrzeug hat sie ihren Frieden, umgeben von der Natur. Ab und zu sieht sie gar Wildtiere hinter den Bäumen verschwinden. «Ich empfehle jeder Frau, welche Lust auf den Beruf hat, es auszuprobieren. Es ist eine wertvolle Erfahrung», findet Arnet.

Im Team wurde sie von Anfang an gut aufgenommen. Vorurteile wegen ihres Geschlechts habe es keine gegeben. Auch Familie und Freunde hätten nur positiv reagiert. «Meine Eltern und eine gute Freundin haben mich schon begleitet – sie waren begeistert.»
Meistens aber sitzt Camille Arnet alleine im Fahrzeug. «Ein bisschen einsam ist das schon, aber welcher Maschinist ist nicht einsam?» Sie wusste, worauf sie sich einliess – auch was die unregelmässigen Arbeitszeiten angeht. Ihr Schlafrhythmus leidet zwar, doch dafür hat sie nachmittags frei. Einmal in der Woche steht sie dann auch selbst auf den Langlaufskiern.
Nach fast 40 Kilometern kehren wir wieder beim Nordischen Zentrum ein. Camille Arnet schaufelt den gröbsten Schnee von der Ladefläche und parkiert das Fahrzeug im Hangar. Dort warten bereits ihre Arbeitskollegen. Zu fünft waren sie heute unterwegs. Gemeinsam trinken sie noch etwas, analysieren das Wetter und planen den nächsten Tag. Provisorisch. Genaues über den morgigen Arbeitstag wird Camille Arnet wohl erst am nächsten Morgen wissen.