Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen steigen auch im Oberwallis an. Wie lässt sich diese deutliche Zunahme erklären?
Publiziert: 09.10.2024 auf pomona.ch
Jelena Kalbermatten, Perinne Andereggen

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Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Josette Huber, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Spitalzentrum Brig, bestätigt diese Entwicklung auch für das Oberwallis. Mit dem Anstieg gehen Herausforderungen einher.
Huber sagt, dass die Auslastung der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Brig derzeit sehr hoch sei. «In letzter Zeit war die Abteilung oft sogar überbelegt.» Aktuell verfügt sie über zwei stationäre Plätze. Sind diese Kapazitäten erschöpft, werden Jugendliche mit geringerem Betreuungsbedarf auf die Pädiatrie im Spital Visp verlegt. Ihre therapeutische Betreuung erfolgt indes in der Tagesklinik des Spitals in Brig. Dafür werden die Jugendlichen jeweils am Morgen mit dem Spitaltaxi nach Brig gebracht. Die Nacht verbringen sie wiederum in Visp.
Die Zunahme der stationären Eintritte in Brig ist deutlich. Die Zahl ist im Jahr 2023 um 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Dieser Trend hat sich fortgesetzt. «Aktuell liegt der Anstieg im stationären Bereich bei 58 Prozent», sagt Huber. Die hohe Nachfrage zwingt die Abteilung dazu, auf Ressourcen im ambulanten Bereich zurückzugreifen. Diese Massnahme führt wiederum dazu, dass dort die Wartelisten anwachsen. Aktuell beläuft sich die Wartezeit auf ein bis zwei Monate. Bei speziellen Abklärungen wie Autismus-Spektrum-Störungen ist noch mehr Geduld gefragt, die Wartezeiten sind länger.
Im Vergleich zu anderen Kantonen seien die Wartezeiten im Oberwallis aber noch moderat, so Huber. «In einigen Kantonen kann es bis zu zwei Jahre dauern, bis eine Abklärung bei Autismus-Spektrum-Störungen durchgeführt wird.»
Stress, Unsicherheiten, soziale Medien – psychische Erkrankungen treten früher auf
Die Zunahme psychischer Erkrankungen trat besonders während der Corona-Pandemie bei den 14- bis 24-Jährigen auf, insbesondere bei Frauen. Die Kurve sei nach Corona aber nicht wieder abgeflacht. «Das hat uns überrascht», sagt Huber.
Gleichzeitig sei es in den vergangenen Jahren zu einer Altersverschiebung, in der psychische Probleme auftreten, gekommen. Das Alter, in dem bestimmte psychische Erkrankungen vorkommen, hat sich nach unten verschoben. Huber sagt: «In der Schweiz haben wir eine Zunahme von Hospitalisationen von 10- bis 14-Jährigen beobachtet.»
Sie führt den Anstieg psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen auf verschiedene Faktoren zurück. Zunächst auf die Corona-Pandemie, die vornehmlich für junge Menschen einschneidende Auswirkungen hatte. Darauf folgte der Krieg in Europa und gleichzeitig globale Herausforderungen wie die Klimakrise. Josette Huber sagt: «Das alles kann Jugendliche stark verunsichern.»
Damit sind sie Treiber für die Zunahme psychischer Erkrankungen. Weil sie Unsicherheit und Stress auslösen. Zunehmendem Stress sind Kinder und Jugendliche durch den heutigen Leistungsdruck auch in den Schulen ausgesetzt. «Das kann sich negativ auf die Psyche auswirken», so Huber.
Sie sagt aber auch, dass die aktuelle Entwicklung auch aus einem positiven Blickwinkel betrachtet werden kann: Die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft sei vorangeschritten. «Heute darf man darüber sprechen, wenn es einem psychisch nicht gut geht. Man darf sich Hilfe holen.» Ein grosser Fortschritt, so Huber. «Psychische Krankheiten werden inzwischen mehr den körperlichen Krankheiten gleichgestellt.»
Neben dem gesellschaftlichen Wandel haben auch die sozialen Medien enormen Einfluss auf die psychische Gesundheit von jungen Menschen, insbesondere bei bestimmten Krankheitsbildern. Huber sagt, dass der Zusammenhang zwischen sozialen Medien und Essstörungen durch Studien inzwischen unbestritten sei.
Junge Menschen neigten dazu, sich mit Idealen zu vergleichen. «Das ist meist ein Vergleich nach oben», sagt Huber. «Soziale Medien offerieren ihnen dazu eine Fülle an Informationen.» Sie setzen sie unter Druck und ziehen sie laut Huber oft noch viel stärker in die Problematik. Das hat schliesslich dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Fälle von Essstörungen um 50 Prozent gestiegen ist.
- Im Vergleich zu früheren Generationen schlafen Jugendliche heute im Durchschnitt eine Stunde weniger. Doch Schlaf beeinflusst das psychische Wohlbefinden.
- Mahlzeiten im Familienverbund würden Gelegenheit für sozialen Austausch bieten. Doch gemeinsame Mahlzeiten sind seltener geworden.
- Der Kontakt zwischen Jugendlichen und ihren Eltern ist in den vergangenen Jahren geringer geworden. Das macht es schwieriger, zu erkennen, wenn ein junger Mensch leidet.
Gleichzeitig können soziale Medien zur Vereinsamung von Kindern und Jugendlichen führen. Laut Huber zeigen Studien, dass die Einsamkeit bei jungen Menschen in den letzten Jahren zugenommen hat. «Die Kontakte in den sozialen Medien sind oft oberflächlicher und der Austausch ist anfälliger für Missverständnisse», sagt sie. Allerdings gibt es auch Personen, in Randgruppen etwa, bei denen soziale Medien einen positiven Effekt haben können, dass diese die Vernetzung untereinander förderten.
Hohe Belastung während Corona
Mit dem Anstieg der Patientenzahlen nimmt denn auch der Arbeitsdruck für das Personal auf der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Spitalzentrum Brig zu. Huber zu den Belastungen: «Als Leiterin muss ich auch Sorge zu meinem Personal tragen. Das ist manchmal ein Spagat, denn auf der anderen Seite begegnet einem die Not der Patienten.» Während der Pandemie, vorab im Jahr 2021, sei die Abteilung besonders gefordert gewesen. Das hat teilweise zu extremen Arbeitszeiten von bis zu 14 Stunden geführt. Dank zusätzlicher Stellen, die der Kanton seinerzeit gesprochen hatte, konnte die Situation schliesslich entschärft werden.
Entlastung im ambulanten Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie hätten auch Psychologinnen gebracht, die sich in den letzten Jahren in der Region niedergelassen haben, sagt Huber. Trotzdem bleibt die Versorgung im stationären Bereich eine Herausforderung. In der ganzen Schweiz fehle es an verfügbaren Plätzen. Huber sagt: «In der Regel müssen wir drei bis vier Monate warten, wenn wir einen jungen Menschen ausserkantonal platzieren möchten.»
Die Psychiatrie-Planung sieht vor, dass im Oberwallis ein drittes Bett hinzukommt. Huber betont aber auch, dass die Platzverhältnisse im Alten Spital räumlich begrenzt sind. Eine Lösung sieht sie in der Prävention, in der frühen Intervention. Schulen seien seit Corona in dieser Hinsicht sensibilisiert und reagierten mittlerweile früher und individueller, wenn es einem Kind oder Jugendlichen nicht gut gehe. «Je früher interveniert wird, desto weniger ist nötig, um wieder auf die Beine zu kommen.»
Jugendliche stehen weniger in Kontakt mit ihren Eltern
Oft sind die Eltern die ersten, die Veränderungen im Verhalten ihrer Kinder bemerken. Wenn sich Jugendliche auf allen Ebenen, nicht nur zu Hause, zurückziehen, könne das ein Zeichen dafür sein, dass es ihnen nicht gut gehe, sagt Huber. Zugleich weist sie aber darauf hin, dass die Zeit, die Jugendliche mit ihren Eltern verbringen, in den letzten 10 bis 15 Jahren kontinuierlich abgenommen hat. Der Kontakt zwischen Jugendlichen und ihren Eltern sei geringer geworden. «Das macht es schwieriger, zu erkennen, wenn jemand leidet.»
Ein häufiges Phänomen, das Josette Huber im klinischen Alltag begegnet, ist, dass gemeinsame Mahlzeiten im Familienverbund nicht mehr üblich sind. «Das bedauere ich persönlich sehr, denn Mahlzeiten sind eine Gelegenheit für sozialen Austausch und ermöglichen es, zu erfahren, wie es dem Gegenüber geht und wo er steht.»
Für das Entstehen einer psychischen Erkrankung sind mehrere Risikofaktoren notwendig. Es ist selten nur ein einzelner Faktor dafür verantwortlich. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Ressourcen, wobei das soziale Umfeld eine bedeutende Rolle spielt. Huber sagt: «Gute Beziehungen können dazu beitragen, Belastungen auszugleichen.»