Publiziert: 20.07.2025 auf pomona.ch
Aron Anderson sitzt im Rollstuhl. Und doch will er den Gipfel des Matterhorns erreichen. Für den Schweden ist der Berg mehr als ein Ziel – er ist ein Symbol. Für Willen. Für Mut.

Aron Anderson blickt auf sein Handy. Als Hintergrundbild prangt das Matterhorn auf dem Display – schroff, stolz, unerreichbar. Doch genau dort will er hin.
Anderson aus Schweden ist querschnittsgelähmt. Als er siebenjährig war, haben Ärzte bei ihm Krebs im unteren Rücken diagnostiziert. Chemotherapien waren nicht erfolgreich, also musste der kleine Junge operiert werden. Dabei wurde sein Rückenmark verletzt, seither sitzt er im Rollstuhl. Dreimal kehrte der Krebs zurück, immer wieder verbrachte er Monate im Spital.
Zwei Versuche, zwei Wetterkapriolen
«Ich habe früh gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Manchmal lag ich da und wollte einfach nur alle Schläuche abreissen und davonlaufen. Dann habe ich mir gesagt: Einen Infusionsbeutel schaffst du noch. Und danach nochmal einen. Ich habe mein Gehirn ausgetrickst. Und das mache ich auch jetzt am Berg. Wenn ich denke, ich kann nicht mehr, sage ich zu mir selber: noch 50 Meter. Und nach den 50 Metern sage ich mir das wieder», erklärt Aron Anderson.
Er habe als Kind vieles gelernt, das er heute als Motivationsredner anderen Menschen weitergeben könne. «Ich würde sehr gerne einfach gesunde Beine haben, aber ich möchte auch nicht ohne diese Erfahrungen leben. Sie haben mich zum Menschen gemacht, der ich heute bin.»
Letztes Jahr hatte Anderson seinen ersten Versuch gestartet, das Matterhorn zu besteigen. Ein Gewitter zog auf, er musste umkehren. Diesen Sommer kam er wieder von Stockholm zurück nach Zermatt. Zusammen mit einem zehnköpfigen Team startete er am 14. Juli spätabends von der Hörnlihütte aus in Richtung Gipfel. Ungefähr 20 Stunden rechnete das Team für den Auf- und Abstieg ein. Die Prognosen sahen verheissungsvoll aus. Doch wieder kam das Wetter dazwischen. Ein kleiner Niederschlag: Schnee lag auf dem Weg, zu rutschig. Sie mussten wieder umkehren.
Vorbei ist das Projekt «Matterhorn» für Anderson aber nicht. «Ich weiss, dass ich das kann. Ich bin zweimal nicht hochgekommen, das stimmt, aber beide Male scheiterte das Vorhaben am Wetter und nicht an meiner Kraft.» Wenn die Bedingungen stimmen, dann komme er da hoch, davon ist Anderson überzeugt.
Er habe schon immer von den Bergen geträumt, erzählt Anderson. Als Kind kam er oft in die Schweiz, fuhr bei Rollstuhlrennen mit und nahm an Wettkämpfen teil. «Ich sah die Berge und war begeistert von ihnen. Ich dachte immer: ‹Wow, ich will da hoch. Eines Tages möchte ich dort oben stehen.› Und gleichzeitig wusste ich, dass ich im Rollstuhl sitze und das nicht möglich ist.»
Im Einsatz für kranke Kinder
Zurück in Schweden fragte ihn ein Freund, ob er mit ihm auf den Kebnekaise, den höchsten Berg Schwedens, steigen würde. Knapp über 2000 Meter hoch. Für die meisten eine etwas schwierigere Wanderung. Erst glaubte Anderson nicht daran, aber sein Freund ermunterte ihn immer weiter und so brachen sie schlussendlich auf. 28 Stunden Wanderung in vier Tagen und dann waren sie oben. «Es war eines der härtesten Dinge, die ich je getan habe, aber als ich oben auf diesem Gipfel sass, merkte ich, dass ich etwas gemacht habe, das ich nie für möglich hielt. Ich realisierte, dass das Limit vor allem in meinem Kopf ist. Ein bisschen in meinen Beinen, aber vor allem in meinem Kopf.»
Das war der Anfang. Heute macht Anderson viele Dinge, die niemand für möglich hält. Er war auf dem Kilimandscharo, fuhr mit Sitzskiern bis an den Nordpol, schwamm von Schweden nach Finnland, fuhr mit dem Fahrrad von Schweden nach Paris, nahm in vier verschiedenen Sportarten an den Paralympics teil. Er hat einen Ironman, einen Langdistanz-Triathlon, absolviert und hält den schwedischen Rekord für die meisten Skydiving-Flüge pro Tag: Ganze 145 Mal sprang er innert 12 Stunden aus einem Flugzeug.
Die Liste der aussergewöhnlichen Dinge, die Anderson bereits getan hat, ist lang. Mit seinen Aktionen sammelt er jeweils Spenden für krebskranke Kinder. Er will, dass niemand eine solche Kindheit verbringen muss wie er. Immer wieder organisiert er Wanderungen zum höchsten Berg Schwedens für krebskranke Menschen. Anderson möchte demonstrieren, dass man auch mit eingeschränkten Möglichkeiten viel erreichen kann. Dass die Grenzen eigentlich viel weiter gehen, als die Menschen sie sich in ihren Köpfen ausmalen. Dass man viel mehr schaffen kann, als man denkt, wenn man es einfach versucht und nicht aufgibt. Dass ein Querschnittsgelähmter hoch aufs Matterhorn kann.
Aufs Matterhorn möchte Anderson auch für ein besonderes Mädchen: Saga. Saga kontaktierte ihn, weil sie mit derselben Situation konfrontiert war wie er selbst einst. Sie war 14 Jahre alt, stand vor einer Krebsoperation und wusste, dass sie danach im Rollstuhl sitzen würde. Sie wollte wissen, wie dieses Leben ist. Chattete viel mit Anderson. Die beiden wurden Freunde.
Aber Saga hatte nicht so viel Glück wie Anderson. 17-jährig verstarb sie.
Für solche Menschen steigt Aron Anderson aufs Matterhorn. Für sie sammelt er Spenden. «Manchmal, wenn ich am Berg nicht mehr kann, denke ich an sie. Ich denke an all die Kinder, die mit Krebs im Spital liegen. Auch wenn es harte Momente am Berg sind. Ich habe entschieden, hier oben zu sein. Diese Kinder wollen aber nicht im Spital sein. Sie haben keine Wahl. Das gibt mir die Energie, weiterzugehen.»
Mit dem letztjährigen Versuch, das Matterhorn zu erklimmen, sammelte Anderson 1,3 Millionen schwedische Kronen. Das sind mehr als hunderttausend Franken. Auch dieses Jahr läuft eine Sammelaktion.
Der Rollstuhl als Symbol
Wer Aron Anderson beim Klettern sieht, versteht sofort: Sein Körper ist auf seine ganz eigene Art des Bergsteigens ausgerichtet. Der Oberkörper – stark, muskulös, präzise – verrichtet die Hauptarbeit. Die Beine hingegen, gezeichnet von der Lähmung, sind schlank. Fast zierlich wirken sie im Vergleich zu seinen kräftigen Schultern und Armen. Und doch ist es genau dieses Ungleichgewicht, das Andersons Stärke ausmacht: Sein Körper hat sich angepasst – an ein Leben jenseits der Norm. Mit den Armen zieht er sich am Berg hoch, platziert seine Knie auf einem Felsvorsprung und zieht sich mit den Armen weiter hoch zum nächsten.
Wann immer möglich nutzt er Krücken. Auf dem Weg hoch zur Hörnlihütte etwa. Auf den Bildern, die von diesem Aufstieg gemacht wurden, ist zu erkennen, dass ein Helfer Andersons Rollstuhl mitträgt. Dieser wird am Berg nicht wirklich gebraucht. Aber Anderson will auf dem Gipfel ein Foto im Rollstuhl schiessen. Er hat den Rollstuhl schon öfters an unübliche Orte mitgenommen und will mit solchen Bildern Bewusstsein schaffen. «Es ist ein cooles Symbol, um zu zeigen, dass alles möglich ist», sagt Anderson.
Zehn Tage verbrachte Anderson dieses Jahr für seinen Versuch in Zermatt. Nächstes Jahr kommt er wieder. Denn gescheitert ist Aron Andersons Unterfangen erst dann, wenn er aufgibt.