Die Walliserin in der Männerseilschaft


Publiziert: 20.10.2025 auf pomona.ch
Jelena Kalbermatten, Raniero Clausen

Am Berg zu führen, ist in der Schweiz fast ausschliesslich Männersache. Die Walliserin Frédérique Lang gehört zu den wenigen Frauen, die diese Männerdomäne aufbricht.

In der Schweiz gibt es nur rund fünfzig Bergführerinnen. Das sind weniger als drei Prozent aller Aktiven. Eine von ihnen ist die 29-jährige Frédérique Lang aus dem Unterwallis. Sie hat diesen Sommer nach fast fünf Jahren und unzähligen Stunden an Berg und Fels ihre Ausbildung abgeschlossen.

Ihr Bezug zu den Bergen kam früh. Ihr Vater ist Bergführer, mit ihm war sie schon als Kind oft unterwegs. Nach Jahren im Skiclub verlor sie das Interesse am Wettkampf, zog lieber auf Skitouren los und entdeckte so ihre eigentliche Leidenschaft. Aus dem Tourengehen wurde Bergsteigen, später Klettern – und irgendwann der Wunsch, das alles zu ihrem Beruf zu machen.

Nach dem Kollegium in Brig begann sie zu studieren und schloss ihren Bachelor ab. Doch das Studium entsprach nicht ihrer Leidenschaft. Die Entscheidung, den Traum vom Bergführen wirklich zu verfolgen, brauchte Zeit.

Ein Mitbewohner im Kollegium, der der Nachwuchsgruppe des Walliser Bergführerverbandes angehörte, brachte sie erstmals auf die Idee. Damals hielt sie sich noch für nicht gut genug, liess die Gelegenheit verstreichen. Erst Jahre später kehrte der Gedanke zurück. Ihr Freund ermutigte sie, es einfach zu versuchen. Lang: «Eines Tages sagte er: Komm, wir versuchen die Aufnahmeprüfung», erinnert sie sich. Gesagt, getan.

Die Ausbildung zur Bergführerin gilt als eine der anspruchsvollsten der Schweiz. Sie führt zum eidgenössischen Fachausweis und umfasst zahlreiche Module – von Skifahren und Lawinenkunde über Fels- und Eisklettern bis zu Medizin, Rettung und Führungstechnik. Schon vor dem Einstieg müssen Anwärterinnen und Anwärter anspruchsvolle Eignungstests im Sommer- und Winterbergsteigen bestehen.

Während der Ausbildung folgen sieben bis acht Module, die jeweils mit technischen Prüfungen abgeschlossen werden. Dazwischen sammeln die Teilnehmenden als Aspirantinnen praktische Erfahrung, führen Touren unter Aufsicht erfahrener Guides und lernen, Verantwortung zu übernehmen – für sich und für andere.

Lang bestand ein Modul nicht, ein Jahr musste sie pausieren. Rückblickend sieht sie diese Pause aber als wertvoll. «Ich lernte, Geduld zu haben und an mich zu glauben», sagt sie. Insgesamt dauerte ihr Weg fast fünf Jahre. Die Ausbildung sei streng, aber das müsse sie auch sein – am Ende trage man Verantwortung für Menschen, die man in eine Umgebung führe, die gefährlich sein könne.

Auch finanziell ist der Weg anspruchsvoll. Insgesamt kostet die Ausbildung zwischen 35’000 und 45’000 Franken, je nach Anzahl Module, Unterkunft und Ausrüstung. Der Bund beteiligt sich nach Abschluss mit bis zu 9500 Franken, der Kanton Wallis steuert zusätzlich rund 25 Prozent der Kurskosten bei. «Man muss bereit sein, viel Zeit und auch Geld zu investieren», sagt Lang, «aber wenn man das wirklich will, findet man einen Weg.»

In der Schweiz gibt es keine Unterschiede in den technischen Prüfungen, Frauen und Männer legen genau dieselben Tests mit denselben Bewertungskriterien ab. Für Lang ist das selbstverständlich und auch wichtig: «Wir machen ja die gleiche Arbeit mit den gleichen Gästen», sagt sie.

In Frankreich etwa unterscheiden sich die Prüfungsrouten im Sportklettern teils nach Geschlecht – in der Schweiz ist das nicht so. Sowieso beginnt für die Unterwalliserin Gleichstellung schon früher, etwa in der Schule oder im Sport. «Wenn man Mädchen und Buben zeigen kann, dass sie dasselbe leisten können, stärkt das ihr Selbstvertrauen.»

Gezielt trainiert hat sie während der Ausbildung kaum. Ihre Touren haben sich jeweils an den Modulen orientiert – mal mehr Fels, mal mehr Eis. Es sei vor allem darum gegangen, viel Zeit draussen zu verbringen, sagt sie, und nicht um klassisches Training. Natürlich habe es Phasen gegeben, in denen sie an ihre Grenzen kam. «Es gibt Tage, an denen man die Nase voll hat», sagt sie. «Aber am Ende war die Motivation immer stärker als der Zweifel.»

Als sie ihre Ausbildung schliesslich abgeschlossen hatte, führte sie gleich ihre erste Tour: eine kleine Felstour mit ihrer Kollegin oberhalb von Evolène. An diesen Moment erinnert sie sich gerne zurück – da wurde ihr klar, dass sie es geschafft hat.

Nur wenige Frauen schaffen diesen Weg. In diesem Jahr waren es schweizweit fünf, zwei davon aus dem Wallis. Familie, Risiko und Stress würden viele abschrecken, sagt Lang. Doch sie ist überzeugt, dass sich das ändern wird. «Die Stereotype verschwinden langsam. Frauen können dieselbe Verantwortung übernehmen wie Männer.» Sie selbst habe immer Unterstützung von Familie und Freunden erhalten. Vielleicht, sagt sie, hätte sie sich nur gewünscht, sich selbst früher zuzutrauen, dass sie das schaffen kann.

Heute arbeitet Lang zu 60 Prozent als Fahrerin bei der Sanität und zu 40 Prozent als Bergführerin. Das gibt ihr Sicherheit und Freiraum für neue Ziele. Vielleicht werde sie eines Tages noch die Ausbildung zur Rettungssanitäterin beginnen, sagt sie. Vollzeit Bergführerin zu sein, sei möglich, aber anstrengend. «Ich bewundere alle, die das schaffen.»

Dass sie heute eine der wenigen Frauen in diesem Beruf ist, erfüllt sie mit Stolz und mit Hoffnung. Wenn ihre Geschichte andere Frauen ermutige, diesen Weg ebenfalls zu gehen, sagt sie, «dann hat sich alles gelohnt».


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