Publiziert: 04.08.2025 auf pomona.ch
Jelena Kalbermatten, Monika Bregy
Seit dem 26. Juli ist die Bietschhornhütte wieder offen und der Zustieg gewährt. Nicht nur den Einheimischen tut es gut, so ein Stück Normalität wiedergewonnen zu haben.

Die Radio-Reportage zum Nachhören:
«Ich musste mir schon überlegen, wen ich jetzt informieren soll und was ich mache, wenn ich doch nicht auf die Hütte kann.» Bis zuletzt stand die Saison auf der Bietschhornhütte für Cornelia Wüthrich auf der Kippe. Der offizielle Zustieg wurde beim Bergsturz von Blatten grösstenteils verschüttet. An einen Zustieg war eigentlich nicht zu denken.
Doch die Hüttenwartin stand stetig in Kontakt mit den ortsansässigen Bergführern. Für sie sei es ihr Lebensunterhalt. Es sei ihr Wunsch gewesen, dass das Bietschhorn auch in diesem Jahr begangen und damit der Tourismus im Lötschental aufrechterhalten werden könne, so Wüthrich weiter.
Und so hat sie in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Wiler Gemeinderat Edgar Rieder das Projekt in Angriff genommen, einen neuen Weg zu bauen. Was schnell gesagt ist, brauchte aber seine Zeit: «Edgar und Ursula Rieder haben eine enorme Vorarbeit geleistet», erzählt Wüthrich. Bis zu viermal seien sie den neuen Weg, der notabene ein gutes Stück länger ist als der Originalzustieg, abmarschiert. Tourismus Lötschental gibt die Wanderzeit mit rund vier Stunden an. Ein Weg.





Zusätzlich habe man einen Rekognoszierungsflug unternommen, um feststellen zu können, ob es besser ist, den Weg weiter oben oder weiter unten durchzuführen. Und dann, am Tag X, seien ganz viele freiwillige Helfende gekommen, die miteinander innert eines Tages den Weg gebaut haben – mit Zugang ab Wiler.
«Die Helfenden wurden in fünf Gruppen eingeteilt und jede Gruppe hat einen Abschnitt übernommen», erzählt Wüthrich. Am Schluss trifft der neue Weg auf den Originalzustieg. Es sei schon anstrengend gewesen, gibt Wüthrich zu und am Ende des Tages seien alle müde gewesen, nach einem arbeitsreichen Tag in unwegsamem Gelände, «und das Werkzeug mussten wir dann ja auf dem neuen Weg wieder runtertragen».
Gefahrlos ist die Querung nie, aber bei Rot ist die Gefahr akut
Kurz bevor Cornelia Wüthrich die Bietschhornhütte beziehen wollte, kam das Veto. Eine Querung in Wiler sei nicht möglich. «Da musste ich mir schon kurz überlegen, was zu tun ist», sagt sie. Denn das Veto sei so kurzfristig gekommen, dass sie alles bereits aufgegleist, eingekauft und ihre Stammgäste informiert hatte.
Doch dann die erlösende Information: Es gibt ein Konzept mit Querung in Kippel. Und diese ist also, wie auch die Hütte, seit dem 26. Juli offen. «Eine Zeit lang habe ich nicht mehr wirklich daran geglaubt, dass ich dieses Jahr noch öffnen kann. Doch jetzt bin ich froh, da zu sein.»
Auf beiden Seiten der Lonza stehen in Kippel ausserhalb des gefährdeten Bereichs Ampeln, die anzeigen, ob die Lonza gefahrlos gequert werden kann oder nicht. Wie der Führungsstab Lötschental erklärt, müsse man sich bei Rot von der Lonza entfernen, da dann die Sensorik ausgelöst habe und akute Gefahr bestehe.



Insgesamt sind zwischen Wiler und Blatten 13 Sensoren verbaut, die unter anderem auf den Pegelstand der Lonza reagieren. Leuchtet die Ampel nicht, dann ist eine Querung der Lonza möglich, sie sollte aber zügig gemacht werden.
Die Leute scheinen genauso froh zu sein über die Öffnung der Bietschhornhütte wie die Hüttenwartin selbst. «Zurzeit sind es vor allem Einheimische oder Leute, welche die Hütte kennen, die kommen», sagt sie. Aber diese zeigten sich sehr erfreut darüber, dass es einen Ort gibt, wo sie hingehen können, den sie kennen, der ihnen vertraut ist. «Ich glaube, es gibt kein anderes Tal, das mit einer solchen Situation so umgehen kann wie das Lötschental», ist Wüthrich überzeugt. Der Blick der Lötschentaler sei nach vorne gerichtet, und zu wissen, dass auf der Bietschhornhütte so was wie Normalität herrscht, helfe.
Fast, als wäre nie etwas gewesen
Normalität. Diese gibt es im Lötschental seit dem 28. Mai dieses Jahres kaum noch. Und doch: Der neue Weg zur Bietschhornhütte bietet Schutz, Schutz vor dem Anblick, der für so viele Menschen nach wie vor schier unerträglich ist. Nur selten öffnet sich der Wald und gibt einen Blick auf den Schuttkegel frei – aus einer bisher unbekannten Perspektive.
Doch etwa 300 Meter unterhalb der Hütte verschwindet der Anblick. Wer von der Hütte ins Lötschental blickt, kann kaum erahnen, was sich vor zwei Monaten da abgespielt hat. «Ja, es ist schon ein Stück heile Welt», sagt Cornelia Wüthrich. «Wäre die Absperrtafel nicht da, die darauf hinweist, dass der alte Weg gesperrt ist, könnte man meinen, es sei alles wie immer.»
Und obwohl auch der Blick in die Buchungen darauf hinweisen könnte, dass etwas anders ist, zeigt sich Wüthrich positiv: «Die Anmeldungen kommen langsam, aber sicher rein. Ich bin guter Dinge, dass die nächsten Wochen etwas läuft auf der Hütte.»
Angst habe sie keine, sagt sie. «Eines Abends kam ein grosser Brocken runter», erinnert sich Wüthrich. Da habe sie schon befürchtet, dass sie wieder zusammenpacken könne, wenn der Brocken auf den neuen Weg rollt. Doch so weit kam es nicht. Der Weg führt weit genug unten am Gefahrengebiet durch. Sie fühlt sich in der Hütte sicher.





Wenn sich auch das Gefühl etwas verändert hat: «Ich bin demütiger geworden», gibt Wüthrich zu. Es laufe im Leben eben manchmal nicht alles so, wie man es sich wünscht. Früher habe sie sich darüber aufgeregt, wenn Gäste einfach nicht gekommen sind. «Heute nehme ich das nicht mehr so tragisch. Es gibt viel Schlimmeres auf der Welt.»
Berggänger zufrieden mit neuem Weg
Nicht gelaufen wie geplant ist es auch einem Wanderer aus der Deutschschweiz. Auf dem Weg zurück ins Tal erzählt er, dass er am Vortag zur Bietschhornhütte gewandert sei, mit der Absicht, das Bietschhorn in Angriff zu nehmen. Aus Witterungsgründen habe er mit seinem Kollegen dann darauf verzichtet.
Der Versuch, das Wilerhorn zu besteigen, scheiterte am Schnee und Eis auf dem Grat. Vergebens sei der Ausflug aber nicht gewesen. «Es ist schon eindrücklich, wenn man diese riesige Schutthalde sieht und bedenkt, dass da mal ein Dorf war», sagt er sichtlich beeindruckt.
Mit dem neuen Zustieg zur Hütte ist er zufrieden. Er habe den Originalzustieg nicht gekannt, den neuen findet er aber sehr gelungen. Angst habe er keine gehabt. Er vertraue darauf, dass, wenn der Weg freigegeben ist, die Gefahr kaum grösser sei als normalerweise bei einem Berggang.