«Ich müsste diese Berge eigentlich hassen. Aber das kann ich nicht»


Publiziert: 28.06.2025 auf pomona.ch

Oft spricht man von leeren Blicken und gebrochenen Herzen – Ausdrücke, die wir so selbstverständlich verwenden. Ich weiss jetzt, wie sie sich anfühlen. Mein Herz brach wirklich, ich fühlte einen Schmerz in der Brust. Immer wieder war mein Blick leer. Eigentlich war da ja auch nichts Wichtiges zu sehen. Wo hätte ich hinschauen sollen? Ich habe es aber nicht nur selbst gefühlt. Ich habe leere Blicke gesehen und gebrochene Herzen gehört.

Zur Info
Ich habe in Blatten gewohnt. Das Dorf wurde am 28. Mai 2025 durch einen Bergsturz zerstört. Einen Monat später ist dieser Text im Walliser Boten erschienen.

pomona.media / Daniel Berchtold

Wie geht es dir? Das wollen alle wissen. Daran schnell angehängt: Dumme Frage, ich weiss. Wie geht es mir denn? Oft ganz gut. Es geht mir lange gut. Bis irgendetwas mich erinnert.

Ich habe immer wieder versucht, darüber zu schreiben. Habe Gedanken und Zeilen zu Blatt gebracht. Aber ich schaffte es nicht, sie zu sortieren. Also lasse ich sie chaotisch stehen. Wahrscheinlich ist das der authentischste Einblick, den ich euch momentan von meinem Kopf geben kann. Ich kann euch von der Leere erzählen, die ich seit dem Bergsturz immer wieder fühle. Von Schmerz, von Planlosigkeit, Entwurzelung, Trauer. Das werde ich. Aber ich versuche auch von etwas anderem zu erzählen. Von Glück. Und Dankbarkeit.

Die ersten zwei Tage waren schlimm, aber sie taten gut. Wir weinten sehr viel. Am Abend des 28. Mai 2025 waren wir alle bei meiner Oma. Abwechselnd schluchzten wir hemmungslos und trösteten einander. Alle sassen wir irgendwo, teils einfach am Boden. Wir umarmten uns und sagten zueinander: «Wir haben noch uns!» Dann weinten wir wieder.

Danach kam eine Schockphase. Ich konnte nicht mehr weinen. Wahrscheinlich realisierte ich einfach nicht, was passiert war. Oder ich wollte es nicht wahrhaben. Ein bisschen war es, als ob mein Hirn mich vor der traurigen Wahrheit schützen wollte. Und seither ist es ein Auf und Ab.

Rief man die Tage nach der Katastrophe die Website der Gemeinde Blatten auf, war dort ein Baugesuch aufgeführt. Es war von mir. Vor rund zwei Monaten hatte ich es eingereicht. Die Zeit war reif, bei den Eltern auszuziehen – weg von Blatten wollte ich aber nicht. Da ich nichts Passendes im Dorf fand, erarbeitete ich mit meinem Vater ein Projekt. Generationenprojekt nannten wir es. Eine kleine Wohnung für die kommenden Jahre. Wenn ich dann selbst einmal eine Familie habe, hätten wir getauscht. Ich wäre in die nebenliegende grosse Wohnung gezogen, der Neubau wäre zur Alterswohnung meiner Eltern geworden. Zusammen hatten wir an einem sonnigen Nachmittag das Bauprofil aufgestellt. Zusammen hätten wir in viel Eigenarbeit das Haus gebaut. Mein Traumhaus. Aus dem Schlafzimmer morgens als Erstes den Blick auf die Ferdenrothörner. An heiteren Tagen würden sie zu meinem Aufwachen in Orangetönen strahlen – der perfekte Start in den Tag. Vom Sofa aus hätte man die Lötschenlücke gesehen, die wiederum abends beim Sonnenuntergang rot erstrahlt.

Wenn man mit 23 beschliesst, das ganze Ersparte auszugeben und zu bauen, dann weiss man, wo man hingehört. Ich konnte mir keinen schöneren Ort auf der Welt vorstellen, um ein Haus zu bauen.

Das Baugesuch ist von der Website verschwunden. Gebaut wird dort in nächster Zeit nicht mehr. Ich habe meinen Traum verloren. Aber was ist das schon im Vergleich zu dem, was andere verloren haben? Ihre ganze Existenz. Über Generationen aufgebaute, mit Herzblut geführte Betriebe, Lebenswerke. 600-jährige Häuser sind einfach verschüttet worden. Ein Dorf mit Charme und Charakter wurde am 28. Mai 2025 von der Weltkarte radiert. Es ist so schwer zu glauben, viele haben es bis heute noch nicht wirklich realisiert. Das erschwert den Verarbeitungsprozess. Aber wer hätte schon gedacht, dass dieser Berg das gesamte Dorf unter sich begräbt?

Man weiss erst, was man hat, wenn man es verliert.

Das stimmt nicht immer. Wir Blattner wussten stets, was wir hatten. Es gibt Dinge, die ich anders machen würde. Aber zum Glück muss ich mir nicht vorwerfen, das Leben in Blatten nicht genossen zu haben – solange ich es hatte.

Ich wuchs zuhinterst auf der südlichen Seite der Lonza auf. Dort, wo sich jetzt meterhoch das Wasser staut, standen drei Häuser. Darin lebten fünf Familien mit zehn Kindern. Oder eigentlich eine einzige grosse Familie, denn ein bisschen waren wir immer wie Geschwister. Wir spielten draussen im Sandkasten oder an der Suone, die neben den Häusern durchfloss. Heute erscheint es mir fast ironisch: Damals stauten wir das Wasser absichtlich und versuchten, möglichst grosse Überschwemmungen zu verursachen. Bis der Nachbar sich beschwerte, weil sein gepflegter Rasen zerstört wurde. Danach zogen wir uns in den Wald zurück, verschanzten uns in unseren Baumhäusern und lieferten uns dort unbeschwerte Kämpfe als verfeindete Gangs. Im Winter bauten wir ganze Igludörfer auf und gingen im Dorf auf Eiszapfenjagd, um unsere Schatzkammer zu füllen.

Unsere Eltern mussten sich nie sorgen, auch wenn wir stundenlang wegblieben. Wir waren nie allein und im beschaulichen Blatten konnte nicht viel passieren. Während wir unsere Energie loswurden, bereiteten sie uns Popcorn oder Wassermelone zu und nach dem langen Spielen stärkten wir uns alle zusammen zwischen den Häusern.

Als wir etwas älter wurden, spielten wir Fussball. In jeder freien Minute wurde gekickt. «Vor im Huis», wie wir sagten, warst du nie lange allein. Ein, zwei Bälle an die Hausmauern der anderen pfeffern und schon war jemand da.

Jeden Morgen gingen wir zusammen zur Schule. Fast jeden Morgen verpassten wir um ein Haar das Postauto. Doch nie fuhr es ohne uns ab – zehn fehlende Kinder fallen eben auf. Ein Umstand, den wir vielleicht hin und wieder ein wenig ausgenutzt haben…

In den letzten Jahren sahen wir uns nicht mehr täglich. Manche studieren, andere arbeiten, wir lebten uns auseinander. Aber trafen wir uns, dann war es wie immer. Die Abende waren lang und lustig. Jedes Jahr machten wir als Gruppe am Fasnachtsumzug in Wiler mit. Fast alle von uns spielen in der Musikgesellschaft Fafleralp, wir gehören zum Jugendverein und trafen uns regelmässig – etwa wenn wir im Frühling das Dorf putzten, die Krippe in der Kirche auf- und abbauten, Andachten und Kreuzwege gestalteten oder natürlich Partys feierten. Nein, es ist kein grosser Klub, aber einige meiner besten Nächte erlebte ich im Jugendlokal. Die schönsten Stunden waren die, in denen niemand mehr da war – ausser wir Blattner. Dann konnten wir hemmungslos tanzen, dann war alles egal.

Es klingt kitschig, aber es ist wirklich so: Bis vor vier Wochen war mein Leben perfekt. Klar hatten auch wir unsere Sorgen und Probleme. Aber ich lebte im Paradies. Neben meinem Haus führte die Langlaufloipe vorbei. Jeden Dienstag traf sich dort im Winter unsere Gruppe Sportsfreunde zum «Ziitschtagslangloif». Nach ein paar Runden sassen wir zusammen, tranken etwas, assen eine kalte Platte oder manchmal auch ein Fondue. Einer brachte das Schwyzerörgeli mit, und wir sangen zusammen. Der Dienstag war unser kleiner Freitag.

Eine halbe Stunde hatte ich von der Haustür bis auf die Skipiste. Im Sommer konnte ich mich abends aufs Bike schwingen und während ich zurück ins Dorf bretterte, den Alltag vergessen. Wenn es unten im Rhonetal heiss wurde, freute ich mich jeden Abend, nach Hause zu gehen. In die Kühle der Berge. Eigentlich freute ich mich immer, nach Hause zu kommen. Morgens warf ich in Ferden, dort, wo die Strasse in eine Kurve geht…, oftmals noch einen Blick zurück ins Tal, danach hatte ich ein Lächeln auf den Lippen. Ich kann euch nicht sagen, wie viele Stunden ich in meinem Leben bereits damit verbrachte, die Lötschentaler Berge zu betrachten. Jedes Mal, wenn es Abend- oder Morgenrot gab, nahm ich mir Zeit und blickte hinauf. Oft fragte ich mich in den letzten Jahren, was genau mich daran dermassen fasziniert. Ich habe die Lötschenlücke schon hundert Mal in den schönsten Rottönen gesehen und trotzdem kann ich noch heute den Blick nicht davon abwenden. Die Natur rund um Blatten hat mir mein Leben lang so viel gegeben. Und jetzt hat sie mir viel genommen. Ich müsste diese Berge eigentlich hassen. Aber das kann ich nicht – ich liebe sie noch immer. Sie waren schon so lange vor mir da und sie werden lange nach mir da sein. Wir Menschen können einfach nur dankbar sein, dass sie uns die letzten Jahrhunderte einen so schönen Platz zum Leben gelassen haben. Aber schlussendlich sind wir ein Nichts gegen die Mächte der Natur, weniger als ein Sandkorn. Unsere Zeit hier auf Erden ist eine Millisekunde gegen die Lebenszeit der Berge. Wie klein wir eigentlich sind – und wie wichtig wir uns manchmal nehmen –, das ist mir in letzter Zeit immer wieder bewusst geworden. Dann denke ich mir, dass ich einfach das Beste aus dem machen sollte, was das Leben mir gibt. Das sind gute Momente. Aber es gibt auch andere.

Nach der letzten Jodelprobe in Wiler fuhren wir vom Parkplatz los. «Gangä mer uf di Blattu?», fragte Papa – und dann war da diese Barriere und dahinter nichts. Wir fuhren nach Ferden. In diesem Moment wurde mir schmerzlich bewusst, dass unser Dorf einfach nicht mehr existiert, dass ich nie wieder über diese Strasse nach Hause fahren kann.

Ich habe in den vergangenen Wochen viele Menschen weinen sehen. Menschen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie einmal weinen sehen werde. Letztens sprach ich mit einem alten Mann. In seinem Leben gab es nicht viel ausserhalb von Blatten. Im Gegensatz zu mir kann er sich kein neues Leben mehr aufbauen, er hat dafür zu wenig Zeit. Da sass er vor mir. Ein Gesicht, geprägt von lebenslanger harter Arbeit, sah mich an und Tränen rollten über seine tief gefurchten Wangen. Ich ging innerlich in die Knie.

Am Samstag lief ich zu Fuss nach dem Ausgang zurück nach Ferden. Vor dem Haus legte ich mich in den Rasen und blickte noch einen Moment hoch zu den Sternen. Das habe ich zu Hause nach langen Nächten auch manchmal gemacht. Und mir wurde schlagartig klar, dass ich das nie mehr tun kann. Ich kann nie mehr nach Hause laufen. Weil es mein «Zuhause» einfach nicht mehr gibt.

Ich könnte hier ewig über das Leben in Blatten schreiben. Das wird mir bewusst, während ich diese Zeilen schreibe. Ich belasse es bei einigen Episoden, die unser Dorfleben greifbar machen.

WM-Halbfinal, ich stieg ins Postauto und schaute den Match mit Freunden im Public Viewing im Nachbardorf. Ich hatte 70 Franken Bargeld in meine Hosentasche gesteckt. In Wiler bemerkte ich, dass sie weg waren, müssen rausgefallen sein, als ich das Handy aus der Tasche genommen hatte. Drei Tage später stieg ich wieder in den Bus. Der Chauffeur rief mich: «Du bist doch letztens hinten links im Bus gesessen, oder? Ich habe auf dem Sitz nach der Fahrt Geld gefunden, gehört das dir?»

Eine andere Person, die für das Blattner Dorfleben steht, ist Bruni. Bruni war der Trauzeuge meines Vaters, hielt mich schon als kleines Baby in den Armen. Bruni arbeitet bei der Gemeinde, immer wenn er in seinem Pickup durchs Dorf fuhr und mich sah, hupte er und hat «Sali» gesagt. Er freute sich immer, mich zu sehen und hat mir so viele Tage versüsst. Einmal fuhr er extra noch mal rückwärts, um mir zu winken und dann wieder weiterzufahren. Selbst wenn ich um halb fünf Uhr morgens im Winter zur Arbeit fuhr und er dann schon unterwegs war, um den Schnee zu räumen, hielten wir an, grüssten uns, wünschten uns einen schönen Tag und fuhren weiter.

Einmal rutschte mein Handy in der Tasche in ein Kuvert und ich warf es mit in den Altpapiercontainer. Eine echte Misere! Aber nach einem Anruf war Bruni nach fünf Minuten da. Er drehte den Container um und half mir, mein Handy in den Papiermassen wiederzufinden.

Einen Sommer jobbte ich im Dorfladen. Ende Sommer wusste ich bei jedem, der kam, welche Zigarettensorte er raucht. Eine alte Dame gab immer den Einkaufszettel ab, und wir kauften für sie ein. Eine andere legte nur ihr Portemonnaie auf die Theke, und wir nahmen den passenden Betrag selbst heraus.

In Blatten fühlte ich mich wohl, sicher, geborgen. Dort war ich zu Hause, dort wollte ich bleiben, dort wollte ich alt werden. Heute wohne ich nur wenige Kilometer entfernt in Ferden. Und doch: Hier bin ich nicht bereit, so viel Geld zu investieren und mit meinem Vater zu bauen.

Ich habe immer davon gesprochen, einmal zu reisen, eine Saison lang woanders Skischule zu geben. Aber ich habe es nie getan – ich war einfach zu gern zu Hause. Jetzt hält mich nicht mehr viel zurück. Ehrlich gesagt: Ich weiss nicht mehr, wo ich hingehöre. Ich fühle mich wie ein entwurzelter, umgekippter Baum. Und den kann man überallhin tragen. Ich weiss nicht, was ich will. Nicht, wo ich sein will. Ich bin planlos. Früher sagte ich immer: Ich will nie weg aus dem Wallis. Nie irgendwo anders arbeiten als bei den Walliser Lokalmedien. Gilt das noch? Hält mich noch genug hier – ohne Blatten, ohne Zuhause? Ich weiss es nicht. Die Hemmschwelle fortzugehen war noch nie so klein wie jetzt.

Ich war immer gern unterwegs – fremde Orte entdecken, andere Kulturen kennenlernen, abschalten. Und doch war ich selten traurig, wenn die Ferien zu Ende gingen. Ich freute mich darauf, nach Hause zu kommen. Heimweh? Kannte ich nicht. Denn ich wusste: Zu Hause ist alles noch genauso wie vorher. Ich konnte jederzeit zurückkehren – in Sicherheit, Geborgenheit, Vertrautheit. Erst seit der Evakuation kenne ich das Gefühl von Heimweh. Ich sehne mich nach dem Duft, der mir beim Öffnen unserer Haustür entgegenschlug – dem Duft von Zuhause. Ich vermisse es, durchs Dorf zu laufen, besonders über die Brücke mit ihrer schönen Aussicht oder durch die engen Gassen im alten Dorfkern. Ich sehne mich nach meinem Bett. Und ich vermisse es, einfach auf unserem Sofa zu sitzen.

Ich hatte nie Heimweh, weil ich immer nach Hause kommen konnte. Und das kann ich nicht mehr.

Aber die Blattnerinnen und Blattner sind noch da. Neulich habe ich mich abends für eine Weile zu einem Bewohner gesetzt. Nennen wir ihn Alfons. Ich habe ihn gefragt, wie es ihm geht. «Psychisch eher schlecht», sagte er, «aber sonst wird hier gut zu mir geschaut.» Dann haben wir miteinander geredet. Nur 15 Minuten – doch am Schluss lachte Alfons über meinen letzten Satz. Und ich fühlte mich gut.

Alfons war auch schon in Blatten. Dort habe ich mich nicht zu ihm gesetzt. Ich habe zwar immer alle gegrüsst, aber steckte sonst meist in meinem Alltagstrott und hatte keine Zeit für längere Gespräche. Und heute frage ich mich: Was hätte ich an jenem Feierabend stattdessen mit diesen 15 Minuten gemacht? Wahrscheinlich durch die sozialen Medien gescrollt.

Seit dem Bergsturz rede ich nicht nur mit Alfons mehr. Wenn ich in den letzten Wochen jemanden auf der Strasse getroffen habe, bin ich stehen geblieben. Wir haben geredet. Ja, weil wir es in dieser Zeit alle brauchen. Weil Reden beim Verarbeiten hilft. Aber vielleicht auch, weil wir einander wieder ein Stück mehr schätzen gelernt haben. In den letzten Wochen spürte ich ein aufrichtiges Interesse am Gegenüber. Nicht nur ein Dahingesagtes «Wie gehts?».

Ich habe nach dem Bergsturz viele Menschen umarmt, innig, von Herzen. Menschen, die ich mein Leben lang kenne. Menschen, die ich mag und dennoch hatte ich sie noch nie richtig fest an mich gedrückt. Ich habe meinen Mitmenschen gesagt: «Ich han dich gären.» Und meine Mitmenschen haben das zu mir gesagt. Wieso haben wir uns das vorher so selten gesagt?

Mir ist bewusst: In Katastrophen wächst das Miteinander – und verschwindet danach oft schnell wieder. Ich hoffe trotzdem, dass ein bisschen davon bleibt. Und dass ich mich auch in einem Jahr noch daran erinnere, wie viel mehr es mir gibt, mit Alfons 15 Minuten zu reden, statt dieselbe Zeit auf Social Media zu verbringen.

«You’ll always find your way back home» – du wirst immer deinen Weg nach Hause finden. Diese Worte zieren mein Fussgelenk, direkt daneben das Bietschhorn. Den Berg habe ich schon vor längerer Zeit verewigt. Der Satz daneben ist ein Freundschaftstattoo – dessen Bedeutung sich seit einem Monat völlig verändert hat.

Wie soll ich den Weg nach Hause finden, wenn es meine Heimat nicht mehr gibt?
Der Satz ist ein Liedtitel aus dem Hannah-Montana-Film. Den haben wir früher oft zusammen geschaut. Der Song erzählt davon, dass du, egal, wo du hingehst und was du im Leben machst, immer umdrehen und nach Hause zurückkehren kannst – und dass deine Freunde dann noch da sind. Und das sind sie. Unsere Freundschaft ist stärker geworden. Sie waren für mich da. Ein bisschen sind meine Freunde mein Zuhause, meine Familie ist mein Zuhause.
Und so werde ich meinen Way Back Home finden.

In den schwierigen Momenten erinnere ich mich daran, wie viel Glück ich habe. Daran, dass ich in Blatten geboren wurde und 23 so schöne Jahre erleben durfte. Es gibt so viele Menschen, deren Leben nie so schön war wie meines in den letzten Jahren. Ich denke an die Kriege auf dieser Welt, an die Not. An all die Menschen auf der Flucht, die auch nicht mehr zu Hause sein können. Und mir wird bewusst, wie viel Glück es ist, in der Schweiz zu leben – in einem Land, das solche Katastrophe bewältigen kann. In einem Land, in dem es so grosse Solidarität gibt, dass wir Blattner dennoch ein gutes Leben weiterführen können. Dass wir finanziell grosszügig unterstützt werden, dass viele von uns gut versichert sind und sich keine Sorgen um ihre Existenz machen müssen.

Dass da ein Care Team ist, das sich um unsere mentale Gesundheit kümmert. Eine Politik, die Hilfe verspricht. Und nicht zuletzt bin ich dankbar für die Kompetenz unseres Gemeindepräsidenten, unseres Gemeinderats, unseres Führungsstabs. Sie stützen uns. Sie haben uns gerettet.

Wenn ich an Blatten denke, dann spüre ich Schmerz und Zerrissenheit – aber auch unendlich viel Dankbarkeit.


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