Hüttenwartpaar auf der Lämmerenhütte hört auf: «Hier oben war unser Zuhause»


33 Jahre lang war die Lämmerenhütte das Zuhause von Barbara und Christian Wäfler. Am Sonntag, 12. Oktober 20125, bewirteten sie ihre letzten Gäste.

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Barbara Wäfler (61) und Christian Wäfler (60) Quelle: pomona.media (alle Bilder)
Das Hüttenwartpaar erzählt von über drei Jahrzehnten Hüttenleben.

Es war der 21. September 1992. Das Datum ist eingeprägt im Kopf von Christian Wäfler. «An diesem Tag durften wir die Hütte übernehmen.» Damals waren sie eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern. Ungewiss, ob das Hüttenleben etwas für sie ist, haben sie es einfach versucht und zogen von Adelboden in die Berge. Christians Frau Barbara Wäfler sagt, sie habe damals gedacht, vielleicht sei sie nach einer Woche wieder unten im Dorf. Doch aus dem Versuch wurden mehr als drei Jahrzehnte.

Viel hat sich bis heute verändert. Damals kamen die Anmeldungen noch per Telefon oder gar Brief bei den Wäflers an. Der Lämmerengletscher ragte noch weiter und mächtiger vom Rothorn herunter. Die Ansprüche der Gäste waren kleiner, das Hüttenleben einfacher. Die Frequenz der Übernachtungen hat sich mehr als verdoppelt. In ihrer ersten Saison zählte das Hüttenwartpaar 4500 Übernachtungen, diese Saison waren es 10’000. In den 90er-Jahren war es in Berghütten noch gang und gäbe, sein Essen selbst mitzubringen. «Die Gäste brachten teils 5-Gang-Menüs, die wir zubereiten mussten. Dafür zahlten sie 2 Franken. Während unsere Gäste einfache 2-Gang-Menüs serviert bekamen,» erinnert sich Barbara Wäfler zurück. Sie standen für die Selbstversorger viel länger in der Küche als für die zahlenden Gäste. Diese Zeiten des Abkochens sind vorbei. Das Hüttenleben wurde lukrativer, durch die Infrastruktur einfacher, durch die Gästeanzahl aber strenger.

Die Lämmerenhütte liegt im Kanton Wallis, unweit der Berner Kantonsgrenze. Von Kandersteg, Adelboden, Leukerbad und Crans-Montana führen Wanderwege hoch zur Hütte.

Mehrere Jahre war die Lämmerenhütte unter den Wäflers die meistbesuchte Schweizer SAC-Hütte. Das Paar war mit Herzblut am Werk, und das hat den Erfolg geprägt. Gäste in der Hütte erzählen, dass man sich hier oben willkommen fühle. Das Essen schmeckt, das Team ist zuvorkommend, der Betrieb funktioniert. Die jahrelange Erfahrung zieht sich durch jede kleine Arbeit und hinterlässt eine einwandfreie Organisation. Immer freitags bot Christian Wäfler, der gelernter Bergführer ist, eine Tour hoch zum Wildstrubel an – 851 Mal war er auf diesem Gipfel.

Doch die Lämmerenhütte war für die Wäflers weit mehr als nur ein Arbeitsplatz. «Die Umgebung hier ist einzigartig», sagt Christian. «Die Natur, die Tiere, die Pflanzen – das werde ich vermissen.» Viele der Gäste, die über die Jahre gekommen seien, seien zu Freunden geworden. «Wir hatten so viele lustige und schöne Momente mit Familie und Mitarbeitenden. Und Tage wie heute, bei schönem Wetter, sind unbezahlbar.» Die Mitarbeitenden zu einem kleinen Team zusammenzuhalten, sei, wie in einer WG zu leben, frisch und voller Energie – das habe ihn jung gehalten.

Am Sonntag standen die beiden zum letzten Mal um 4.45 Uhr auf und bereiteten Frühstück für ihre Gäste vor. Für Barbara Wäfler ist es noch surreal: «Ich weiss, gleich ist alles vorbei, und trotzdem kann ich es nicht fassen.» Sie schliessen ihr Hüttenleben mit einem letzten guten Winter und top Sommer ab. Christian Wäfler sagt: «Es lief so viel, ich hatte fast keine Zeit nachzudenken, dass es bald vorbei sein wird. Erst in den letzten zwei Wochen kam das Bewusstsein: Es geht nicht mehr lange.» Der letzte Tag startete wie jeder andere, und doch war da mit jeder Tätigkeit die leise Stimme im Hinterkopf: Es ist das letzte Mal.

Der Beschluss, die Hütte abzugeben, fiel im letzten Herbst. Es war ein Ringen, aber die Gesundheit von Barbara macht nicht mehr mit. «Die körperliche Belastung war zu gross, um so lange auf den Beinen zu stehen.» Und Christian Wäfler will vor der Pensionierung gerne noch ein paar Jahre auf seinem Beruf als Bergführer und Skilehrer arbeiten. Er freut sich, ruhiger auf Touren zu gehen und nicht mehr jeden Abend zu schauen, dass es noch zurück bis auf die Hütte reicht. Und doch ist der Abschied schwer. Die beiden haben den grösseren Teil ihres Lebens auf der Lämmerenhütte verbracht. «Dieser Ort ist Heimat. Hier sind unsere Kinder aufgewachsen, sie waren noch Babys, als wir angefangen haben», sagt Barbara Wäfler. Hier oben sei ihr Zuhause, viel mehr, als es das in Adelboden ist. Hier in diesem Kessel fühle sie Geborgenheit. Adelboden müsse das jetzt noch werden, ein Zuhause. Sie hofft, dass es das wird… Während Christian noch seine Jobs hat, lässt Barbara viel oben auf der Lämmerenhütte zurück. Der Abschied fällt nicht leicht. Eine kleine Träne rollt über ihre Wangen.

Die Nachfolge der Hütte ist bereits geregelt, das macht den Abgang ein bisschen einfacher. Annina Glauser hat schon mehrere Jahre in der Hütte mitangepackt und geholfen. Sie wird ab dem kommenden Winter übernehmen.

Für die Wäflers fängt ein neues Leben in Adelboden an. Mit mehr Zeit für ihre Enkelkinder. Christian Wäfler wird auch nächsten Sommer jeden Freitag Touren auf den Wildstrubel führen. Und da ist auch einiges, was die beiden nicht vermissen werden: die hohen Ansprüche, die Ungeduld mancher Gäste und die Bürokratie. Mit dem Alter wurde es immer schwieriger, mit der Digitalisierung mitzuhalten. «Wir wollten nicht so lange bleiben, bis die Gäste anfangen zu fragen, wie lange wir das noch machen wollen», sagt Christian Wäfler. Für die Lämmerenhütte fängt eine neue Ära an. Und Wäfler sieht eine goldene Zukunft voraus. Der Klimawandel werde die Menschen in die Kühle der Berge treiben.

Barbara Wäfler bereitet eine letzte Rösti zu, sie verabschiedet die Tagesgäste. Am Montag putzen sie die Hütte und bereiten sie für den Winter vor. Und dann verabschiedet sich auch das Hüttenteam. Christian und Barbara Wäfler werden bleiben. Noch eine Nacht, einen letzten Morgen.


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