Publiziert: 24.12.2025 in der Schweizer Familie

“Die Lage ist ernst”. Das sagte mir der Chef der Walliser Dienststelle für Naturgefahren am 18. Mai im Burgerhaus von Blatten. Damals kam der Satz nicht richtig bei mir an. Gutes Quote fürs Radio, dachte ich mir.
Nach der Medienkonferenz lief ich mit dem Kollegen vom WalliserBoten zurück zu seinem Auto und zeigte ihm stolz unser Dorf. Den Platz, an dem ich zusammen mit meinen Eltern bauen wollte, mein Elternhaus und meine Hühner.
Am Tag darauf hatte ich Spätschicht. Die Sonne schien, ich liess die Hühner freiumherlaufen und pflückte Kräuter, heile Welt. Kurz vor halb zehn Uhr erhielt ich die Nachricht, dass sich die Bewegung des Nesthorns beschleunigt hat. Ich liess alles liegen, lief zu meiner Mama in die Wohnung ergriff das Mikrofon und erklärte ich fahre hoch auf die Alp. Von dort aus sah ich den Berg, schickte Videomaterial in die Redaktion und machte Liveeinschaltungen. Dann hörte ich, dass alle für eine Nacht oder zwei packen und in die Turnhalle sollen. Ich merkte, dass ich weinte, aber die Gefühle erreichten mich nicht. Ich funktionierte. In den letzten Jahren hatte ich als Journalistin oft über Naturereignisse berichtet – Murgänge, Lawinen, Starkregen, Waldbrände. Ich mochte diese Einsätze: das Adrenalin, die gespannte Stimmung in der Redaktion, das Wissen, dass jetzt alle schnell erfahren wollen, was los ist. Wenn Strom und Internet ausfallen, zählt das Lokalradio. Ich wusste wie man berichtet, aber realisierte oft nicht, dass es dieses Mal mich selber betrifft.
Dann rief Mama an: Alle müssen sofort aus dem Dorf. Ich durfte noch meine Hühner zurück in den Stall bringen, gab ihnen Futter für mehrere Tage und fuhr weg.
Der Ablauf dieses Tages hat mich lange beschäftigt. Ich habe gearbeitet, statt bei meiner Mama zu sein, statt ein letztes Mal zu Hause zu sein, anstatt ihr geholfen zu haben, die Koffer zu packen. Aber hätte ich mehr mitgenommen als Zahnbürste und Pyjama? Hätte ich an die Fotobücher gedacht? In jedem anderen Job wäre ich nicht in Blatten gewesen zu diesem Zeitpunkt, das hat mir irgendwann Trost gespendet.
Ich arbeitete weiter, bis zum 28. Mai. Irgendwann sagte mir mein Chef ich solle nach Hause gehen. Ich selber sah den Ernst der Sache noch immer nicht, obwohl ich den ganzen Vormittag in den Nachrichten erzählt habe, dass immer mehr Gletscher abbricht. Es war mein Geburtstag, ich hatte mir die kommenden Tage freigenommen und wollte nach Italien. Trotz der angespannten Situation fuhren wir los. Hier zu warten bringt ja auch nichts, dachte ich und zudem war ich mir sicher, dass ich nach Blatten zurückkehren kann.
Auf dem Simplonpass erreichte mich die Nachricht. Ich sah Bilder der Zerstörung. Wir drehten um. Ich war still. Erst als meine Freundin am Bahnhof ausstieg und ich auf meinen Papa wartete, erst als ich dort alleine im Regen stand, konnte ich weinen.
Als Übergang durfte ich eine Ferienwohnung in Ferden mieten. Sie war schön und modern. Und doch sass ich oft dort und fühlte mich fehl am Platz. Fühlte mich fremd. Fragte mich, was ich hier mache, in einer Wohnung, die nicht mein Zuhause ist.
Ich war immer gerne unterwegs, sprach davon einmal länger reisen zu gehen, eine Saison an einem anderen Ort Skischule zu geben. Heimweh? Kannte ich nicht. Ich wusste: Zu Hause ist alles noch genauso wie vorher. In Blatten fühlte ich mich wohl, sicher, geborgen. Ich hatte nie Heimweh, weil ich immer nach Hause kommen konnte. Und das kann ich nicht mehr.
Ich versuche das Beste aus der Situation zu machen. Für die kommende Wintersaison ziehe ich nach Davos. Ich gebe dort Skischule, mache endlich das, was ich immer tun wollte – und nie tat, weil das Leben dazwischenkam.
Aber ich gehe nicht nur deshalb. Ich gehe, weil ich weg muss. Weg von Blatten. Weg vom Journalismus, von den Menschen die mich sehen und mein Schicksal kennen und die fragen wie es mir geht. Weg von der Ungerechtigkeit die mich manchmal wütend macht. Laufe ich weg? Wahrscheinlich schon. Aber ist das feige? Oder ist es mutig?
Davos. Das Dorf wurde bekannt als Kurort. Menschen aus aller Welt zog es für längere Aufenthalte in das Bündner Bergdorf. Die Höhenluft sollte sie von Lungenkrankheiten heilen. Vielleicht zieht es mich auch weg zum Heilen. Meiner Lunge geht es gut, aber vielleicht heilt die Davoser Bergluft auch etwas anderes. Vielleicht heilt sie Heimweh.