Publiziert: 19.08.2025 auf pomona.ch
Rebecca Schüpfer, Jelena Kalbermatten
Die Weissmieshütte soll umgebaut werden. Von dort starten Alpinisten auch auf das vermeintlich einfache Lagginhorn. Im letzten Jahr war sie gar meistbesucht. Ein Augenschein vor Ort.

Falls eine Hütte, dann nur diese. Es wäre keine andere geworden, sagt Roberto Arnold-Cathomen. Er sitzt an einem Tisch in der Essstube der Weissmieshütte. Es ist einer dieser ganz feinen Sommertage auf über 2726 m ü. M. Wolkenlos, angenehme Wärme, laues Lüftchen. Es ist kurz nach Mittag, die Gäste sind grösstenteils verköstigt. Einige sitzen noch an ihren Tischen, während andere wieder den Weg ins Tal suchen.
Roberto Arnold-Cathomen führt zusammen mit seiner Frau Carla die Weissmieshütte seit neun Jahren. Die beiden hatten sich in einer anderen Hütte kennengelernt. Sie arbeitete dort, er war Bergführer und Retter. Sie wurden ein Paar und bekamen zwei Kinder. Rund vier Jahre später war die Weissmieshütte zur Pacht ausgeschrieben. Die beiden haben sich gemeldet und wurden ausgewählt. Auch wegen der Kinder sei die Hütte ideal, sagt das Paar. Der Weg bis ins Tal ist relativ kurz. Als die Kinder noch kleiner waren, gingen sie öfters von dort aus in die Schule. Im Winter mit den Ski, im Sommer mit dem Bike oder zu Fuss.

Mittlerweile ist Roberto Arnold-Cathomen 48 Jahre alt, seine Frau Carla 42. Er kann sich vorstellen, die Hütte bis zu seiner Pensionierung zu führen. Oder um es in seinen Worten auszudrücken: «Etwas anderes werde und möchte ich nicht mehr machen.» Carla ist in einem 40-Prozent-Pensum noch Lehrerin. Diesen Job würde sie lieber nicht aufgeben, sagt sie, während sie freundlich einen Gast in der Hütte begrüsst.
Geübte Wanderer kommen nach rund 30 Minuten von der Mittelstation Kreuzboden aus bei der Hütte an, die noch fitteren nach 14 Minuten – andere brauchen circa eine Stunde. Die Hütte steht fest auf einem Felsplateau. Die Hüttenwarte sind sich sicher: Die Weissmieshütte wird auch in ferner Zukunft noch dort stehen. Auch, wenn es klimatische Veränderungen geben wird.
An normalen Tagen arbeiten bis zu sechs Leute in der Hütte – kochen, servieren, die Zimmer parat machen. Die Tage dort oben können für Roberto und Carla Arnold-Cathomen lang werden. Die beiden haben praktisch keine freien Tage. Er steht um 2.15 Uhr auf und macht Frühstück. Um 5 Uhr legt er sich nochmals hin und Carla übernimmt. Wer nicht mit Leidenschaft dabei ist, ist schnell wieder weg. Die beiden aber lieben es.
Im letzten Sommer registrierte die Weissmieshütte die meisten Übernachtungen aller SAC-Hütten in der Schweiz – 5708 waren es. Das hat auch mit dem einfachen Zustieg zu tun, der für Familien geeignet ist, aber ebenso mit der Lage. Die Weissmieshütte ist Ausgangspunkt für die beiden Viertausender Weissmies und Lagginhorn oder das Fletschhorn mit 3985 m ü. M. und die Sportkletterrouten in der Jegihorn-Südwand.
Die Hütte ist von 18 Viertausendern umgeben und Ausgangspunkt für zahlreiche Touren. Das Lagginhorn war zuletzt immer wieder in den Schlagzeilen wegen Berggängern, die sich verirrten, nicht mehr weiterkamen oder in den Tod stürzten. Ein Saas-Grunder Bergführer sagte Ende Juli gegenüber dem «Walliser Boten»: «Gipfelerlebnisse sind zum Konsumgut geworden. Man kauft sie sich wie einen Skipass.» Er warnte vor Unterschätzung der vermeintlich weniger anspruchsvollen Berggipfel. Und wenn Hüttenwarte oder Bergführer von Touren wegen Wetterbedingungen oder Verhältnissen abraten würden, habe das einen Grund.
Roberto und Carla Arnold-Cathomen zeigen ihren Gästen die Risiken bei schlechten Verhältnissen immer auf oder weisen auf heikle Passagen hin. Einige aber möchten nichts hören, sagen sie und zeigen aus dem Fenster in Richtung Weissmies. Einige seien unbelehrbar. Roberto Arnold-Cathomen erzählt, einer habe einst gemeint, er wisse, dass sich die Gletscherspalten in der Nacht schliessen würden. Er würde auf die Tour gehen, komme, was wolle. «Was hätte ich ihm noch sagen sollen?», fragt Roberto Arnold-Cathomen, ohne darauf eine Antwort zu erwarten.



An diesem Nachmittag sitzt ein Gast auf der Terrasse und schaut Richtung Lagginhorn. Dort oben sei er gewesen, sagt er, also fast. Er habe umkehren müssen, weil er Kreislaufprobleme gehabt habe. «Bei Kreislaufproblemen heisst es nur Abbruch.» Besser auf Nummer sicher gehen. Schliesslich sei er ganz langsam hinabgestiegen. «Mit 74 Jahren treffe ich diese Entscheidung vielleicht ein bisschen einfacher als jüngere Berggänger», sagt er. Das Lagginhorn wäre sein erster 4000er gewesen. Er werde es irgendwann wieder versuchen.
Anders sein jüngerer Kollege, der vis-à-vis von ihm sitzt. Dieser hat es bis ganz nach oben geschafft. Sechseinhalb Stunden benötigte er und während er ein Bier trinkt, schmerzen seine Knie vom Abstieg. «Sicher habe ich mir wegen der ganzen Zwischenfälle Gedanken gemacht», sagt er. Aber herunterfallen könne man in den Bergen fast überall.
Roberto und Carla Arnold-Cathomen wissen aber auch, dass manche ihre Kräfte falsch einschätzen. Sie überschätzen sich, sind sich der Gefahren nicht bewusst oder schätzen die Witterung falsch ein. «Der grosse Teil aber bereitet sich gewissenhaft vor und geht professionell in die Berge. Von denen hört man nichts.» Es müsse auch gesagt werden, dass wenn mehr Menschen in den Bergen unterwegs seien, auch mehr passieren könne. Manchmal sei es auch Pech.
Das Hüttenpaar führt Listen darüber, wer auf welche Tour geht – auch zur optimalen Vorbereitung in den Tag. Kommt jemand nicht oder meldet sich nicht, versuchen die beiden, die Alpinisten zu erreichen. In den letzten Jahren kam einer nicht mehr wieder, weil er abstürzte.
Wie im letzten Sommer ist die Hütte auch in diesem öfters komplett voll, erst vor wenigen Tagen waren die 95 Betten besetzt. Auf der Homepage sind 125 Betten aufgeführt – aber so viele möchten die Pächter nicht mehr besetzen. Sie sagen, die Gäste müssten auch Platz haben. Mit 95 Personen habe jeder auch immer einen garantierten Sitzplatz.
Im nächsten Jahr soll die Hütte umgebaut werden. Vier Millionen Franken will der SAC Olten investieren. Die Baubewilligung soll bald schon folgen. Das Geld kommt zum Grossteil vom SAC Zentralverband, der über 1,4 Millionen Franken zugesagt hat. Auch der SAC Olten mit 575’000 Franken sowie die Swisslos-Sportsfonds, die Loterie Romande und Stiftungen und Gemeinden beteiligen sich mit 747’000 Franken. Der Kanton Wallis gewährt im Rahmen der Neuen Regionalpolitik, kurz NRP, ein zinsloses Darlehen von einer Million Franken. Das Programm der Neuen Regionalpolitik sieht vor, dass der Bund mit den Kantonen in innovative Köpfe und Unternehmen investiert, «die ländlichen Regionen und Berggebiete sowie Grenzregionen als Wirtschafts-, Lebens- und Erholungsräume attraktiv gestalten und nachhaltig weiterentwickeln wollen».
Die SAC-Verantwortlichen wollen insbesondere in der Höhe anbauen – aber möglichst kompakt und effizient. Neue Fundamente und Untergeschosse entfallen weitgehend. Durch einfache Bauweisen können Mitglieder des SAC beim Anbringen von Holz- oder Steinverkleidungen mitwirken, wobei teilweise vor Ort vorhandenes Material genutzt wird. Holzelemente sollen vorfabriziert werden und so die Bauzeit verkürzen. Gestartet wird im nächsten Frühling, während der Betrieb in der Hütte weiterläuft. Ab Mitte August wird die Hütte aber für jegliche Beherbergung geschlossen. Die Umsetzung soll grösstenteils 2026 erfolgen.
Es wird eine neue, grössere Küche verbaut, mehr kleine Zimmer eingerichtet, teilweise mehr und grössere Fenster eingebaut und eigene Duschen für die Hüttenwarte und das Personal errichtet. Oder ganz einfach: mehr Komfort. Sich einfach dem Zeitgeist fügen? Es ist jene Glaubensfrage unter Hüttenwarten, die öfters für Diskussionen sorgt. Carla und Roberto Arnold-Cathomen freuen sich darauf, sagen aber entsprechend auch: Eine Hütte ist eine Hütte, sie muss nicht unendlichen Luxus bieten. «Das mit den Jacuzzis, das ist für nichts», sagt Roberto Arnold-Cathomen und lächelt.
Die Weissmieshütte bietet keinen übermässigen Luxus, wird aber schön instand gehalten, mit viel Gefühl für Details. Auf den Tischen stehen Gläschen mit Steinen aus dem Gebiet und mit selbst gebastelten Kletterern, an den Wänden hängen Bilder von Freunden, aber auch solche aus der Vergangenheit. Damals, als es nur eine Hütte gab.



Errichtet wurde die Weissmieshütte, die heutige nordseitig gelegene, 1894 zunächst als Berghotel. 1924 wechselte die Hütte für 27’000 Franken den Besitzer und wurde im folgenden Jahr in Fronarbeit umgebaut. Wegen baulicher Mängel musste das undicht gewordene Schieferdach 1927 durch ein Steinplattendach ersetzt werden.
Aufgrund der Platzverhältnisse und den gestiegenen Komfortbedürfnissen wurde eine neue Weissmieshütte 1960 errichtet. Seither stehen zwei Gebäude auf dem Plateau.
Der Aufschwung kam mit den Sportbahnen Saas-Grund, die 1979 eröffnet wurden und den Weg zur Hütte von vier auf eine Stunde verkürzten. 1983 folgte die Verlängerung der Bahn bis Hohsaas, womit die Weissmieshütte zusätzlich an Attraktivität gewann. Zwischen 1989 und 1990 wurde die Infrastruktur der neuen Hütte ausgebaut: neue Toiletten, ein Waschraum mit Dusche für das Personal und ein zusätzlicher Essraum. Im Jahr 2004 machte man Strom- und Wasserversorgung wintertauglich, seither ist die Hütte auch in der kalten Jahreszeit geöffnet. 2006 wurde die Abwasserentsorgung modernisiert. Nun also soll weiter modernisiert werden, damit sie dort oben für die Zukunft bereit sind.