Zwei junge Einheimische wollen das Saas-Feer Nachtleben wieder beleben


Während andere in die Stadt ziehen, investieren Mike Bumann und Yannis Anthamatten in ihre Heimat und eröffnen im November einen neuen Nachtclub.

Publiziert: 25.10.2024 auf pomona.ch

Kindheitsfreunde: Yannis Anthamatten (24) und Mike Bumann (24). 

Der Radiobeitrag zum Nachhören

Die Destination Saas-Fee war einst bekannt für Après-Ski. Die Partys im «Popcorn Club» genossen Kultstatus.

Seit der Club vor drei Jahren schloss, wurde es ruhiger rund um das Saaser Nachtleben. Après-Ski-Bars gab es noch, aber ein Club, der auch nach Mitternacht offen hat, fehlte. Es gab nur noch den «Poison Club». Dieser hatte seine besten Jahre aber zuletzt hinter sich. Er blieb geschlossen.Nun wollen zwei Saas-Feer das Nachtleben wieder beleben. Mike Bumann und Yannis Anthamatten, beide 24-jährig, eröffnen wieder einen Nachtclub im Gletscherdorf.

Mike Bumann steht hinter dem bald fertigen Tresen. Er sagt: «Die Touristen wollen nach dem Après-Ski noch was erleben. Wenn es kein Nachtleben gibt, verlieren wir die jungen Gäste.» Auch den Einheimischen fehlten die Lokalitäten. Vor allem den Jugendlichen.

Bumann und Anthamatten haben viele Gespräche geführt und immer wieder zu hören bekommen, dass etwas gemacht werden solle. So entschieden sie sich schliesslich, das zum Verkauf stehende «Poison» zu übernehmen. Der ehemalige Besitzer wollte, dass Einheimische es weiterführen. Das Geld erhielten die beiden von Bumanns Vater. «Wir brauchten jemanden, der das Geld und den Willen hatte, zu investieren», sagen die beiden.

Das «Poison» war sanierungsbedürftig. Der Club wurde vor 30 Jahren gebaut und entsprach nicht mehr den heutigen Standards. Während des ganzen Sommers haben die beiden mit Bumanns Vater die Bar umgebaut. Gezimmert, geschreinert, neu betoniert. Alle drei sind gelernte Schreiner. Sie wussten, was sie tun.

Ein Blick in das Innere während der Umbauarbeiten zeigt: Vom ehemaligen «Poison» wird nichts mehr übrig bleiben. Viel Holz, helles Licht, gemütliche Atmosphäre. Bumann sagt: «Es wird ein kompletter Neuanfang.» Anfang November soll der Club unter dem neuen Namen «Project x» aufgehen.

Dominik Bumann und Yannis Anthamatten beim Bau der Bar im neuen Club. 
Der Name «Project x» war nur übergangsmässig geplant. Er hat sich im letzten Winter aber bereits etabliert. Deshalb bleibt er jetzt. 

Während der Club Vater Dominik Bumann gehört, wird sein Sohn Mike Geschäftsführer. Yannis Anthamatten wird Barchef. Bis um vier Uhr wird der Club geöffnet sein. Danach noch aufräumen, vor 4.30 Uhr ist nicht an Feierabend zu denken.Anthamatten freut sich. Auch auf die Nachtschichten. Er sagt: «Man lernt viele verschiedene Menschen kennen.» Sicherlich könne es schwierig werden, bis tief in die Nacht umrundet von Feiernden zu arbeiten, aber habe nicht jeder als Junger mal den Traum, als Barkeeper zu arbeiten? Dies fragt Anthamatten, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Und meint dann doch: «Ich werde das aber bestimmt nicht bis ins hohe Alter machen.»

Bereits letzten Winter hat Anthamatten hinter der Bar gearbeitet. Er hat sich klare Regeln aufgestellt: An Arbeitstagen trinkt er selber keinen Alkohol. Er stellt sich zwischen 10.00 und 11.00 Uhr den Wecker und steht auch nach langen Nächten um diese Zeit auf. «Ich habe den Tag durch frei und kann Ski fahren gehen», sagt er. Das sei der Rhythmus, den er im Winter lebe. Auch einige seiner Kollegen würden unregelmässig arbeiten.

Zum Vorurteil, dass die heutige Jugend lieber studiert, im Büro arbeitet und sich die Hände nicht schmutzig machen will, sagt Yannis Anthamatten: «Viele gehen studieren, um das grosse Geld zu verdienen. Ich habe nichts dagegen, das ist ein möglicher Weg. Aber ich glaube daran, dass man sich hocharbeiten kann. Dass man auch auf diese Art seine Ziele erreichen und Geld verdienen kann.»

Viele Gleichaltrige sind aus Saas-Fee weggezogen. Zum Studieren, wegen der Arbeit, wegen der Liebe. Weg in die grosse weite Welt. Bumann selbst lebte vier Jahre in Bern. Er wollte aber zurück in die Heimat, zurück zu den Bergen und dem altbekannten Gefühl, zu Hause zu sein. Er sagt heute: «Ich habe gemerkt, dass ich ein Leben in Bern nicht will. Ich liebe Saas-Fee.» In Saas-Fee gäbe es alle vier Jahreszeiten, eine schöne Natur und ein aktives Vereinsleben. In Saas-Fee könne er eine Persönlichkeit sein. «Hier bist du jemand. Die Menschen kennen dich.»Ähnlich geht es Anthamatten. Er könne durchs Dorf laufen und jeden grüssen. Es sei wie eine grosse Familie. Konkurrenzkampf gebe es im Dorf natürlich schon auch. «Aber schlussendlich ist es Heimat und darum bin ich gerne hier.»

Wichtig für den Tourismus

Dass es bald wieder einen Nachtclub im Dorf gibt, freut auch den Tourismus. Matthias Supersaxo ist Tourismusdirektor im Saastal. Er sagt: «Saas-Fee braucht genau zwei solche junge Menschen, die ans Dorf glauben.» Ein Nachtclub sorge für die Abrundung des Gästeerlebnisses.

Mit dem neuen Club soll nun auch wieder nachts ein Taxi angeboten werden. Im letzten Jahr fehlte ein solches. Zusammen mit den Gemeinden konnte man eine Lösung finden. So verbindet diesen Winter auch nachts ein Taxi Saas-Fee mit den restlichen Saaser Gemeinden.

Investitionen in ein reges Nachtleben – ist das die Richtung, welche die Destination einschlagen will? Après-Ski bringt zwar junge Touristen, aber auch Lärm und eventuelle Ausschreitungen. Dafür habe es in den letzten Jahren Regulierungen gegeben, sagt Supersaxo. Vor allem für Aussenräume bestehen Reglemente. Schlussendlich solle die Destination aber lebendig sein. Die Jugend solle sich wohlfühlen. Supersaxo sagt: «Es heisst doch immer: Die Kuh soll nicht vergessen, dass sie auch einmal ein Kalb gewesen ist.»

Zahlt sich das Geschäft aus?

Seit einigen Jahren plagt das Clubsterben das Oberwalliser Nachtleben. Der «Inch Club» in Fiesch liess es im letzten September zum letzten Mal krachen, das «Happyland» schloss bereits vor vielen Jahren. In Leukerbad steht das «Courage» leer. Den «Spycher» in Brig gibt es schon länger nicht mehr. In Gamsen hat das ehemalige «Crazy» unter dem Namen «Schlagertempel» kurz ein Revival gestartet und dann wieder geschlossen.Schweizweite Zahlen zum Rückgang von Nachtclubs gibt es nicht. In Zürich schlossen in den letzten 20 Jahren aber 30 Prozent aller Clubs, sagt Alexander Bücheli von der Schweizer Bar- und Clubkommission.Um die Rentabilität sorgen sich Mike Bumann und Yannis Anthamatten nicht. Sie haben den Club im letzten Winter geführt und gemerkt, dass sich das Geschäft lohnt. «Es war eine Probe-Saison. Wir hatten keine Ahnung vom Geschäft. Aber wenn es weit und breit nur einen Club gibt, findet man schnell hundert Menschen, die Lust auf Party haben», sagt Bumann. Wichtig sei sicher, dass sie sich treu bleiben. «Wir werden auch nach dem Umbau kein Schickimicki-Club sein. Die Leute kommen hierher und wollen die Sau rauslassen. Wir sind ein Bergdorf mit Après-Ski und das soll so bleiben», sagt Anthamatten.

Die beiden Jungs haben eine Geschäftsphilosophie: Sie wollen für alle da sein. Keine überteuerten Getränke, kein Dresscode, kein Eintrittspreis. «Viele Clubs in der Deutschschweiz sind einfach zu teuer», sagt Bumann. «Wenn die Preise günstiger sind, konsumieren die Gäste mehr.»


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